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Cover SchwabenfluchtWir freuen uns Euch den Roman "Schwabenflucht: Ein kriminelles Gedankenspiel" von Jochen Bender als Fortsetzungsroman vorstellen zu dürfen.

Jede Woche könnt Ihr ein Kapitel mehr vom Roman lesen. Zu lesen sind immer nur die letzten 20 Seiten. Das letzte Kapitel könnt Ihr dann live in einer Lesung (Dreikönigskeller am 17.01.2020) zusammen mit Jochen Bender nach einem leckerem Essen genießen.

Neugierige können das Buch hier bei Amazon natürlich auch bestellen

Eine gute Gesellschaft ist keine Gemeinschaft
Thomas Schmid „Die Welt“ im Oktober 2016

Die EU ist implodiert, in Deutschland herrscht Bürgerkrieg. Dr. Jens Baitinger weigerte sich bis zuletzt, die Zeichen des gesellschaftlichen Zerfalls wahrzunehmen. Während seiner Tochter Pauline im letzten Augenblick die Flucht nach Australien gelingt, sitzt er mit dem Rest seiner Familie in Stuttgart fest. Mit den Nachbarn graben sie sich auf den Fildern ein, während ringsum blutige Kämpfe toben.
Im Remstal gelingt es Landrat Balmer, eine demokratische Gesellschaft aufrecht zu erhalten, tatkräftig unterstützt durch Sascha, einem jungen Mann mit einem düsteren Geheimnis. Familie Baitinger wagt schließlich die Flucht aus Schwaben und strandet als mittellose Flüchtlinge in Arabien.

Ein imposanter schwarzer Bart
verbarg sein Gesicht. Sein Haupt zierte ein weißer Tur-
135
ban. Der Pickup brauste davon, wendete dann scharf
und reihte sich in die auf der Zufahrtsstraße stehenden
Fahrzeuge ein.
„Mullah Omar“, informierte mein Nebenmann mich.
Keller, der bereits zuvor von seinem Podest gestiegen
war, trat auf den Mullah zu und verbeugte sich unterwürfig.
Mehr als alle Erklärungen verdeutlichte die
Szene die Verteilung der Macht, beschränkte sich doch
der religiöse Amtsträger im Gegenzug auf ein huldvolles
Nicken. Seine volle Stimme tönte auch ohne elektrische
Verstärkung in beachtlicher Lautstärke über
den Platz. Da er auf Arabisch sprach, verstand ich kein
Wort.
„Verstehen Sie, worum es geht?“, fragte ich erneut
meinen Nebenmann.
Dieser schüttelte nur den Kopf. Da zeigte der Mullah
mehrmals auf den zwischen den Mutawwa am Boden
knienden Mann. Einige der Deutschen verstanden Arabisch.
Zumindest wurde kurz darauf durch den Kreis
geraunt, bei dem Mann handele es sich um einen gewissen
„Postel“.
„Wer ist Postel?“
„Einer von uns. Er konvertierte zum Islam, nahm sich
eine saudische Frau und durfte daraufhin dieses Gefängnis
verlassen.“
Anscheinend war dies nur ein kurzer Ausflug gewesen.
Zumindest sah es so aus, als würde er heute zurückgebracht.
Auf einen Schlag erstarb das Flüstern und Raunen
unter den Deutschen. Irritiert blickte ich mich um.
Auch Mullah Omar hatte seine Rede beendet und
starrte auf die Reihe der Pickups.
Automatisch folgten unsere Blicke den seinen. Die Beifahrertür
des vordersten Pickups öffnete sich. Ein
136
komplett schwarz gekleideter Mann stieg aus. Statt eines
weißen Turbans hatte er eine schwarze Kufiya so
um seinen Kopf gewickelt, dass nur ein Schlitz für seine
Augen frei blieb. Gemessenen Schrittes lief der
Mann auf die Mitte des Platzes zu. Gebannt starrte ich
auf das große, in seinem Gürtel steckende, Krummschwert.
Der schwarzgekleidete lief auf die ganz in
Weiß gekleideten Wächter zu, blieb schräg vor einem
der beiden schließlich stehen.
Erneut verkündete der Geistliche einige vor Hass triefende
Sätze, die von den Umstehenden in absoluter
Stille aufgenommen wurden. Jeden von uns bannte
die Angst, durch leises Flüstern oder eine kleine Bewegung
die Aufmerksamkeit, und mit ihr den Unmut, des
Mullahs auf sich zu ziehen. Er war der unumstrittene
Chef im Ring, gegen den in diesem Augenblick keiner
auch nur den kleinen Finger heben würde. Der geifernde
Hass seines letzten Satzes hallte in mir nach,
als er schon längst geendet hatte.
Die weißgekleideten packten den zwischen ihnen knienden
Postel fest und beugten seinen Oberkörper
nach vorne. Der schwarzgekleidete zog in Zeitlupe das
Schwert aus seinem Gürtel. Mit beiden Händen hob er
es über sein Haupt.
In Schorndorf erhielt Landrat Balmer einen Anruf aus
München. Ich durfte lauschen. Staatssekretär Roiber
kam gleich zur Sache:
„Jetzt haben eure Nationalisten also endgültig eure Islamisten
besiegt. Als nächstes seid ihr dran. Um das zu
verhindern, müssen wir uns beeilen. Organisieren Sie
zügig eine Volksabstimmung. Entscheidet sich die
Mehrheit der Bevölkerung für den Beitritt zum Frei-
137
staat Bayern, machen wir das. Wir entsenden Wahlbeobachter.
Unsere Presse muss sich absolut frei im
Landkreis bewegen dürfen. Schließlich wollen wir uns
von niemandem vorwerfen lassen, an der Volksabstimmung
zu mauscheln.“
„Kein Problem“, erwiderte Balmer. „Wir sind vorbereitet.
Theoretisch könnten wir morgen loslegen.“
„Das ist zu hektisch. Der Ministerpräsident verkündet
morgen der Presse...“
Es folgte ein Geplänkel über das Prozedere, bei dem
ich abschaltete. Erst als Balmer sich offensiv dafür einsetzte,
unsere Kommandeure als Generäle in die Bayernwehr
zu übernehmen und Roiber sich hiergegen
sperrte, hörte ich wieder zu. Genervt äußerte Balmer
schließlich:
„Einige unserer Kommandeure fragen, wieso wir nicht
mit den Nationalisten gegen euch paktieren.“
Roiber schwieg. Damit hatte der Bayer offensichtlich
nicht gerechnet.
„Das könnt ihr doch nicht machen! Seid ihr etwa keine
Demokraten?“
„Sich von einem übermächtigen Gegner abschlachten
zu lassen, ist keine schöne Perspektive. Da fragen sich
viele sehr ernsthaft, wie wichtig ihnen Demokratie und
Menschenrechte sind.“
„Jeder anständige...“
„Ich brauche die“, unterbrach Balmer ihn resolut,
„vom Ministerpräsidenten persönlich unterschriebene
Zusicherung, im Falle einer Vereinigung unsere obersten
Kommandeure zu Generälen der Bayernwehr zu
ernennen.“
„Die sollen froh sein…“, polterte Roiber erneut los.
Das Geplänkel der Politik-Profis ging noch eine Weile
hin und her. Dann beendeten sie ihr Gespräch. Balmer
138
starrte gedankenversunken aus dem Fenster. Schließlich
wandte er sich mir zu:
„Was hältst du davon?“
„Der Roiber hat keine Ahnung, was hier los ist! Bevor
Struve zurück ins Glied tritt, wird er mit Waffengewalt
die Abstimmung verhindern!“
„Struve hat an dir einen Narren gefressen. Versuche,
ihn von der Abstimmung zu überzeugen.“
Stephan Struve hatte keineswegs einen Narren an mir
gefressen. Für den Kommandeur war ich schlicht und
einfach eine Quelle für Dinge, die er sonst nirgends bekam.
Pedanten nennen so etwas Schmuggel. Dabei
wäre ohne diese kleinen Geschäfte jenseits der offiziellen
Regeln das Leben hier noch viel unerträglicher, als
es ohnehin schon war.
Vermutlich wusste Balmer über meine Nebentätigkeit
Bescheid. Indem er sich mir gegenüber unwissend gab,
konnte er seine Unschuld wahren. Es brauchte gerade
in diesen Zeiten, in denen man moralisch nicht sauber
bleiben konnte, Leute wie ihn, denen es auf Kosten
von Wasserträgern wie mir doch gelang. Für meine
Mitmenschen verkörperte Balmer die Hoffnung auf
eine bessere Zukunft. Ich erledigte im Hintergrund
einen Teil der hierfür notwendigen Drecksarbeit. Also
nickte ich wie immer beim Verlassen seines Büros zustimmend.
Das Landratsamt im Schloss lag am Rande der Schorndorfer
Altstadt. Ich machte Feierabend und lief zu meinem
Zimmer in einem der traditionellen Fachwerkhäuser.
Auf den Straßen eilten viele Menschen, bestrebt
ihre täglichen Kämpfe ums Überleben zu gewinnen. In
ihre ausgemergelten Gesichtszüge waren ihre Sorgen
eingemeißelt. Bei der Volksabstimmung würden sie
uns folgen. Gerüchten zufolge lebten die Bayern noch
immer nahezu im Paradies, aus dem wir uns unschul-
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dig vertrieben wähnten. Würden die Bewaffneten das
Ergebnis akzeptieren? Etwa jeder vierte Mann auf den
Straßen trug eine Waffe. Sie wollten auf der Seite des
Siegers kämpfen. Ihre Frage lautete daher, konnte Saturiertheit
gegen Hass, konnte Bayern gegen die Nationalisten
bestehen? Bilder grausamer, blutiger Szenen
der letzten drei Jahre liefen vor meinem inneren Auge
ab. Dabei hatte ich noch Glück gehabt. Die Mehrzahl
der Kämpfer trug mehr und schreckliche Bilder mit
sich herum. Ich schüttelte mich.
In dem großen Fachwerkhaus wohnten wieder so viele
Menschen, wie einst im Mittelalter. Mehrköpfige Familien
teilten sich ein Zimmer. Als rechte Hand des
Landrats besaß ich das Privileg einer eigenen, wenngleich
auch winzigen, Kammer. Im Erdgeschoss gab es
eine Küche für alle. Sechs Stunden täglich wurde dort
mit Holz ein Herd befeuert. Auf ihm wärmte ich Kartoffeln
auf, die ich in meiner Kammer mit Quark aß.
Ich ließ mir Zeit, genoss jeden der raren Bissen.
Vor dem Haus fuhr ein Auto vor. Das war ein schlechtes
Zeichen. Der Besuch galt mit Sicherheit mir.
Schwere Stiefel polterten die Holztreppe hoch, ehe es
laut an die Tür meiner Kammer klopfte. Ich öffnete.
Zwei auffallend wohlgenährte Rüpel in Flecktarn standen
davor. Lässig hingen ihre G36 von der Schulter.
Doch erst die Pistolen im Holster zeugten von ihrer
Stellung unter den Kämpfern.
„Der General will dich sehen“, meinte der dickere
barsch.
„Er kann gerne vorbeikommen!“, entgegnete ich ebenso
grob, bevor ich den verblüfften Rowdies die Tür vor
ihrer Nase zuschlug.
Gespannt wartete ich auf ihre Reaktion. Struve wurde
immer dreister. Seit Wochen schon ließ er sich „General“
nennen. Was würde folgen? Würde er sich als
140
nächstes „Hoheit“ oder gar „eure göttliche Exzellenz“
ansprechen lassen? Allzu oft war in der Geschichte der
Kriegerkaste das Fehlen eines Korrektivs zu Kopfe gestiegen.
Die beiden diskutierten halblaut vor meiner
Tür. Schließlich klopfte es erneut, diesmal längst nicht
mehr so grob. Erleichtert öffnete ich ein zweites Mal
die Tür. Diesmal sprach mich der andere an:
„General Struve hat Ihnen einen Wagen geschickt. Er
lässt höflich fragen, ob Sie etwas Zeit für einen Besuch
erübrigen könnten. Selbstverständlich fahren wir Sie
im Anschluss auch wieder hierher.“
„Warten Sie bitte unten, ich komme gleich.“
Erneut schloss ich die Tür, damit die beiden mein
Grinsen nicht sehen konnten. Nach einem kurzen Zögern
polterten tatsächlich ihre schweren Stiefel die
Holztreppe wieder hinab. Gemächlich zog ich meine
Daunenjacke und Schuhe an, ehe ich mich zu ihnen
begab.
Struve residierte als Feldherr auf einem Hügel, in seinem
Fall sogar einem richtigen Berg, hatte er sich doch
das ehemalige Ausflugslokal „Waldschlössle“ oben auf
dem Kappelberg unter den Nagel gerissen. Dass er
mich mit seinen einzigen Wagen holen ließ, den er sich
selbst tagsüber versagt hatte, erfüllte mich mit Sorge.
Auf der Straße hoch auf den Berg passierten wir mehrmals
hinter Sandsäcken und Gräben verschanzte Sicherheitsposten.
Rings um das Gebäude, mit beherrschendem
Ausblick über das untere Remstal bis weit
nach Stuttgart hinein, waren Artillerie-Geschütze eingegraben.
Zu Beginn der Kämpfe hatten die Islamisten
bei Cannstatt zweimal einen Vorstoß in unsere Richtung
gewagt. Beide Male waren sie von hier aus unter
schweren Beschuss genommen worden.
Der Wagen hielt. Ohne die Gorillas stieg ich die Treppen
zum Waldschlössle hoch. Dort wurde ich auch
141
gleich vorgelassen. Struve saß, eine Zigarre zwischen
den Zähnen, an seinem Schreibtisch. Aus dem Panorama-
Fenster bot sich ihm ein großartiger Ausblick über
seinen Machtbereich und darüber hinaus. Auf dem
Fensterbrett lag griffbereit eine Auswahl an Ferngläsern
und Nachtsicht-Geräten.
„Hey Sascha“, empfing er mich. „Was machen meine
Waren?“
„Welche meinst du?“, entgegnete ich kühl. „Die eher
privaten oder die für unsere Truppe?“
„Die für die Truppe natürlich“, entgegnete er säuerlich.
„Überlingen ist heutzutage verdammt weit weg. Die
erste Tranche haben sie geliefert und eine weitere Lieferung
ist mir versprochen.“
Struve musterte mich misstrauisch. Er setzte ein Bier
an, nahm einen tiefen Schluck. Mit dem Handrücken
wischte er sich über den Mund, ehe er die Katze aus
dem Sack ließ:
„Wahler hat Neuigkeiten. Die Nationalisten bauen mit
russischer Hilfe neue Panzer. Er hat Schiss, dass die
seine Festung drüben auf den Fildern überrennen und
dringt darauf, dass ich ein Bündnis mit ihm eingehe.“
Mein Herzschlag beschleunigte sich. Bisher hatte ich
meine Eltern drüben bei Wahler in relativer Sicherheit
gewähnt. Würden die Nationalisten ihnen was antun?
Andererseits war Papas Geländewagen irgendwie nach
Bayern gelangt. Hatte jemand meinen Vater erschossen
und seinen Wagen an sich genommen? Oder waren
meine Eltern mit dem Wagen nach Bayern geflüchtet
und mittlerweile in Sicherheit? Ich musste dringend etwas
über ihren Verbleib in Erfahrung bringen. Nur
wusste ich nicht, wie dies möglich war, ohne sie durch
meine Anfrage in Gefahr zu bringen.
Das alles ging mir durch den Kopf, während ich Struve
in scharfem Ton entgegnete:
142
„Warum hast du ihn nicht zu Balmer geschickt?“
„Der Bote wollte zu mir. Immerhin bin ich auch Teil
unserer Regierung“, maulte er.
„Vielleicht bist du das. Dann solltest du aber erst Recht
wissen, dass die gesamte Regierung über Bündnisse
entscheidet und keiner im Alleingang!“
Er machte eine geringschätzige Handbewegung.
„Ich weiß gar nicht, warum ich mir das von dir bieten
lasse!“
„Vielleicht weil ich deine einzige Möglichkeit bin, an
moderne Panzerabwehr-Raketen zu kommen? Wenn
die Nationalisten bei Niedrigwasser mit ihren Panzern
durch den Neckar vorstoßen, ist es mit deiner Macht
hier ganz schnell vorbei. Deine alten Geschütze da
draußen werden sie kaum aufhalten.“
Struve grinste.
„Was?“, blaffte ich gereizt.
„Wer sagt denn, dass ich sie aufhalten will?“
„Willst du dich ihnen etwa kampflos ergeben?“
„Die haben Verwendung für gute Offiziere und ihre
Soldaten!“
„Das habe ich auch gehört. Die schicken dich und deine
Kämpfer dann aber an vorderster Front in ihren
nächsten Krieg. Irgendeinen Krieg führen die schließlich
immer! So gemütlich wie hier wirst du es dann
nicht mehr haben. Willst du das wirklich?“
„Nein, aber lass deinen Worten endlich Taten folgen
und liefere die Scheiß-Raketen!“, brüllte er.
„Genau das habe ich vor. Du bekommst mehr Waffen,
als du zu hoffen wagst.“
„Wann?“, fragte er misstrauisch.
„In zwei Wochen.“
„Von wem?“
„Von den Bayern.“
143
„Aber die haben uns doch noch nie moderne Waffen
geliefert.“
„Es wird eine Volksabstimmung geben. Wenn wir uns
für die Bayern entscheiden, werden wir Teil ihres
Staatsgebiets und du ein Bayern-General. Dann stehen
dir Möglichkeiten zur Verfügung, die selbst die Nationalisten
abschrecken werden.“
Struve schluckte. Wahrscheinlich dachte er gerade weniger
an die sich daraus ergebenden Möglichkeiten
sondern fragte sich, was dann aus seinen berüchtigten
Sex-Orgien würde.
Mir kamen die neuen Panzer für die Nationalisten gerade
Recht, halfen sie uns doch, Struve im Zaum zu
halten. Balmer würde es ähnlich einschätzen. Blieb nur
zu hoffen, dass die Nationalisten uns nicht vor Eintreffen
der bayrischen Waffen angriffen. Und dass Struve
sich nicht von den Rattenfängern ködern ließ.
In Dammam war es stockfinstere Nacht geworden. Ein
grandioser Sternenhimmel spannte sich über die Wüste.
Die Beduinen feierten zu lauten, ekstatischen Klängen
ein farbenfrohes Fest, dem wir als Ehrengäste von
Scheich Saleh beiwohnten.
„Kennen Sie Doktor Ohligschläger?“, fragte mich der
Scheich.
Ich legte meine Stirn in Furchen. Ganz entfernt kam
mir der Name bekannt vor.
„Den aus dem Olgäle?“
„Er ist Arzt an der Kinderklinik in Stuttgart.“
„Wir kennen uns.“
„Gut?“
„Nein. Wir begegneten uns wenige Male auf Tagungen
oder in Arbeitskreisen. Warum fragen Sie?“
144
„Doktor Ohligschläger rettete meiner Tochter Maysa
das Leben. Seinetwegen bin ich hier.“
Ich starrte Scheich Saleh an. War er wirklich in der vagen
Hoffnung den Kinderarzt hier anzutreffen, mit seinem
gesamten Stamm zu unserem Ghetto gezogen?
Hätte er nicht vorher anrufen können?
„Ich wusste natürlich, dass er nicht persönlich hier ist“,
fuhr der Stammesführer in diesem Augenblick lächelnd
fort.
Ich fühlte mich von ihm ertappt.
„Was wollen Sie dann?“
„Etwas zurückgeben. Wir vergessen nicht, wenn ein
anderer uns Gutes getan hat. Wir möchten in diesen
schweren Zeiten dem Stamm der Schwaben seinen
Edelmut vergelten.“
„Edler Scheich Saleh“, mischte sich Keller ein. „Euer
Ansinnen spricht für euren Großmut und euer reines
Herz. Habt ihr euch schon einen Weg überlegt, auf
dem ihr eure Dankbarkeit zeigen wollt?“
Der so angesprochene nickte huldvoll, ehe er antwortete:
„Ja, das habe ich. Töchter meines Stammes stehen zur
Hochzeit mit euren besten Männern bereit.“
Mir verschlug es die Sprache. Ich unterdrückte die auf
meiner Zunge liegende Antwort. Keller bedankte sich
hingegen überschwänglich für das großmütige Angebot.
Nach Ende des Festmahls kehrten der Kommissar und
ich nicht direkt in unseren Betonklotz zurück. Um uns
ohne Lauscher austauschen zu können, machten wir
noch Spaziergang hinaus in die Wüste. Langsam wurden
uns diese Spaziergänge zur Gewohnheit.
145
„Der Scheich hat sie wohl nicht mehr alle!“, schimpfte
ich dort vor mich hin. „Glaubt der wirklich, einer von
uns will für den Rest seines Lebens als Kameltreiber
durch die Wüste ziehen?“
„Ich finde sein Angebot großzügig“, hielt Keller dagegen.
„Die Mullahs werden alles andere als begeistert
sein, wenn sie davon erfahren. Ich wollte mit Ihnen
schon längst darüber reden. Die Heirat einer Muslimin
stellt den besten Weg aus unserem Ghetto dar. Unter
Umständen ist dann sogar eine Auslandsreise möglich.“
Seine Worte versetzten mir einen Tiefschlag. Wollte er
ernsthaft behaupten, ich hätte keine Chance zu Pauline
nach Australien zu gelangen?
„Ich weiß, was Sie jetzt denken“, fuhr er fort.
Hier schien jeder meine Gedanken lesen zu können. In
Wahrheit war allerdings das Leben hier einfach so,
dass bestimmte Gedanken nahe lagen.
„Vergessen Sie Ihre Hoffnungen! Selbst wenn die Saudis
Sie gehen ließen, würden die Australier Sie nicht
reinlassen!“
„Warum nicht? Ich bin Europäer!“, empörte ich mich.
Er winkte müde ab, ehe er antwortete:
„Die guten Zeiten des Kontinents sind vorüber. Zwar
sind nicht alle europäischen Länder in Chaos und Krieg
versunken, aber hinter allen liegt ein steiler Abstieg
und eine massive Verarmung. In den meisten Ländern
Europas verhungerte in den letzten drei Wintern ein
erheblicher Teil der Bevölkerung. Die heutigen Zeiten
erinnern ans 19. Jahrhundert, als große Teile der Bevölkerung
in Europa keine Zukunft sahen und nach
Amerika oder sonst wohin emigrierten. Nur gibt es
keine Einwanderungsländer mehr.“
146
Ähnliches hatte ich schon in Ungarn vernommen. Damals
hatte ich es als das Geblöke schwarzmalender
Pessimisten abgetan. Sollte ich es jetzt glauben?
Nein, Keller gehörte auch zu denen! Trotzdem war ich
auf sein Wohlwollen angewiesen.
„Sie würden mir also empfehlen Kameltreiber zu werden?“
„Jetzt lassen Sie doch mal den blöden Kameltreiber
beiseite! Wenn Sie sich zum Islam bekennen und eine
Muslimin heiraten, können Sie ganz normal dort drüben
in der Stadt leben. Sie sind Arzt und verfügen
über eine Qualifikation, die die Saudis nicht verschwenden
werden.“
„Sie meinen“, erwiderte ich erstaunt, „ich könnte dann
als normaler Bürger dort drüben in der Stadt leben? In
einer komfortablen Wohnung, mit allen Freiheiten?“
Die Möglichkeit endgültig Krieg und Lagerleben zu
entkommen besaß ihren Reiz.
„Als Arzt könnten Sie sogar ein eigenes Häuschen mit
Garten beziehen!“
Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.
Wir liefen eine Weile schweigend nebeneinander
her.
„Bekäme ich die saudische Staatsbürgerschaft?“
„Möglicherweise.“
„Dürfen Saudis ins Ausland reisen?“
„Selbstverständlich dürfen die das. Und wegen ihres
Geldes sind die auch in Australien gerne gesehen, zumindest
als Touristen.“
Keller war nicht dumm. Er hatte erfasst, worauf meine
Frage abzielte.
147
„Die vom Scheich angebotenen Frauen sind mit Sicherheit
jung“, fuhr er fort, „höchstens Mitte zwanzig,
vielleicht aber auch erst sechzehn.“
„Warum sagen Sie das jetzt?“
„Nur so. Vielleicht spielt es für Ihre Entscheidung ja
eine Rolle.“
Trotz der Dunkelheit konnte ich das Weiß seiner Zähne
erkennen. Vermutlich grinste er gerade breit. Wir liefen
weiter schweigend nebeneinander her. Bei der
Vorstellung eine junge Frau zu ehelichen, die mir den
hiesigen Sitten entsprechend bedingungslos zu gehorchen
hatte, erfasste mich sexuelle Erregung. Zugleich
schämte ich mich, entsprach dies doch so gar nicht
meinem Selbstbild eines aufgeklärten Europäers.
„Warum sind nicht alle von uns schon längst mit einer
Muslima verheiratet?“
„Zum einen, weil nur wenige hiesige Frauen bereit
sind, einen Deutschen zu heiraten. Die Saudis führen
im Irak, in Syrien und im Jemen einen Stellvertreter-
Krieg gegen den Iran. Viele saudische Männer sterben
dort. Daher finden nicht alle Frauen einen Mann, obwohl
die Saudis auch mehrere Frauen heiraten dürfen,
sofern sie für die zu sorgen können. Sonst würde vermutlich
keine einen der unsrigen wollen.“
„So schlimm sind wir nun auch wieder nicht!“
„Aber ziemlich anders! Stellen Sie sich das Ihnen völlig
fremde Leben als Muslim und Gatte einer Muslima
nicht zu schön und vor allen Dingen nicht zu einfach
vor. Es ist verdammt schwer, seine Gewohnheiten zu
ändern. Haben Sie etwa Postel schon vergessen?“
Bei der Erinnerung an die Hinrichtung am Nachmittag
meldete sich mein Magen.
„Wissen Sie mittlerweile, was er getan hat?“
148
„Nein, und das werde ich auch nie erfahren. Vermutlich
war es nichts Ernstes. Es liegt eben nicht jedem,
fünfmal am Tag sich im Gebet einem wahrlich
furchterregenden Gott zu unterwerfen. Vielleicht hat
er das Misstrauen der Mullahs erweckt, weil er seine
Gebete zu selten in der Moschee vor ihren Augen vollzog.
Dann braucht es nicht mehr viel. Es reicht, wenn
seine Frau oder ein Nachbar behaupteten, er habe
sich heimlich bekreuzigt. Kein Mullah wird dann ernsthaft
prüfen, ob dies der Wahrheit entspricht oder eine
aus Neid und Missgunst geborene Lüge darstellt.“
Ich schluckte. Die Vorstellung, um die Gunst der Mullahs
zu buhlen, um mich vor Neid und Missgunst zu
schützen, erschien wenig reizvoll. Trotzdem, ich musste
weg von hier. Die Perspektive nach der Hochzeit einer
Saudi Pauline wieder in meine Arme schließen zu
können war erträglicher, als der Gedanke sie nie wiederzusehen.
Ob ich meine zukünftige Frau vorab Mal
zu Gesicht bekäme?
Ich kehrte zurück in unser Appartement. Die Ereignisse
des Tages hielten mich vom Schlafen ab. Könnte ich
mein ganzes bisheriges Leben einfach abstreifen und
einer von Ihnen werden? Keller hatte den richtigen
Köder ausgelegt. Gegen meinen Willen erregte mich
die Vorstellung, eine junge, willige Frau zu heiraten.
War es ein zu hoher Preis, im Gegenzug regelmäßig in
die Moschee zu gehen und zu beten? Vielleicht nicht,
wenn es genügte, den Schein zu wahren. Dessen war
ich mir angesichts der heutigen Enthauptung eines
vordergründig zum Islam Konvertierten nicht sicher.
Erneut tauchte das grausige Bild vor meinem inneren
Auge auf. Abscheu und Angst kochten erneut hoch. In
den Augen des Mullahs und der Mutawwa hatte selbst
149
in jenem schrecklichen Moment ein fanatisches
Leuchten gelegen. Die taten nicht nur so, sondern
glaubten wirklich fest daran, im Dienste eines allmächtigen
Gottes zu handeln. Die würden genauso wenig
jemals ernsthaft an westliche Demokratie, an Menschenrechte
und an Wissenschaft glauben können,
wie ich an ihren Gott. War dies überhaupt möglich?
Man konnte nicht gleichzeitig an einen Allmächtigen
glauben, der unser Schicksal bestimmt und dem der
Mensch daher gefällig zu sein hatte und dass der
Mensch die Krone der Evolutions-Biologie darstellte,
dass somit keine über ihm stehende Macht existierte.
Insofern besaß unsere vorgebliche Religionsfreiheit etwas
scheinheiliges, durfte Religion doch nicht mehr als
eine private, veralteten Traditionen gehorchende Marotte
sein, die sich dem Dogma des individuellen Humanismus
unterwarf.
*
Am Flughafen Sydney weinte Pauline in Toms Armen
vor sich hin.
„Musst du wirklich gehen?“
Sie nickte mehrmals, dann schob sie ihn sanft weg.
Mit einem Taschentuch trocknete Pauline sich die Augen,
ehe sie zu ihm aufsah.
„Ich muss einfach versuchen Mama, Papa und Yannick
zu finden. Wenn ich es nicht zumindest probiere Ihnen
zu helfen, werde ich mir das nie verzeihen.“
Tom sah sie sehr traurig an. Er verstand sie, trotzdem
quälte ihn die Angst, seine geliebte Frau womöglich
nie wiederzusehen. Sie beugte sich rasch vor, hauchte
ihm einen Kuss auf die Wangen, ehe sie abrupt kehrt
machte und davon eilte. Verblüfft und auch verärgert
150
ob dieses eiligen Abschieds starrte er ihr nach. Ein Teil
in ihm wollte ihr hinterher laufen und sie zur Rede
stellen. Aber er ahnte, dass sie anders den Abschied
nicht schaffen würde. Oder wollte sie insgeheim von
ihm gestoppt werden? Er zögerte, ließ sie dann aber
gehen. Hielt er sie jetzt zurück, würde das schleichende
Gift seiner Bevormundung ihre Liebe nach und
nach zersetzen. So sah er ihr voller Hoffnung nach, sie
eines nicht zu fernen Tages wieder in seine Arme
schließen zu dürfen.
Pauline durchlitt ein unglaubliches Gefühlschaos. In
den letzten Jahren war ganz Europa, in besonderem
Maße aber Deutschland, von innen heraus zerrissen
worden. Dort regierte ein weiteres Mal primitivste Gewalt.
Trotzdem freute sie sich auf ihre Heimkehr. Sie
liebte Tom. Seine Landsleute waren ihr offen und
freundlich begegnet. Trotzdem hatte es kaum einen
Tag gegeben, an dem sie nicht unter Heimweh litt. Zugleich
trauerte sie schon jetzt wegen der Trennung
von ihrem geliebten Mann.
Tief in ihren Eingeweiden lauerte eine schreckliche
Angst. Was erwartete sie in der Heimat? Ein freudiges
Wiedersehen mit ihrer Familie? Oder ein trauriger
Friedhofs-Besuch?
Nach dem Abendessen fiel sie in einen unruhigen
Schlaf. Am Airport von Dubai musste sie mehrere
Stunden auf ihren Anschlussflug nach München warten.
Um sich Bewegung zu verschaffen wanderte sie
durch die klimatisierten Abfertigungsgebäude. Nicht
nur der internationale Tourismus, auch der globale
Handel war weitgehend zum Erliegen gekommen. Nur
noch ein Terminal des gigantischen Flughafens befand
sich daher in Betrieb. Die größte Militärmacht in der
151
Geschichte der Menschheit hatte das innere Scheitern
der USA nicht verhindern können. Die Vereinigten
Staaten hatten sich fast vollständig gegen den Rest der
Welt abgeschottet.
Pauline starrte durch eine Glasfront in die flirrende
Hitze. Lebte Ihre Familie mittlerweile dort draußen?
Der Islam, besonders die sunnitisch geprägten arabischen
Staaten, profitierte stark vom Niedergang des
Westens. Angeblich nahmen die Araber in größerem
Ausmaß europäische Flüchtlinge auf. Von deren Wissen
versprachen sie sich einen Schub für die eigene
technologische Entwicklung. Es hieß, die Europäer lebten
dort in eigenen Vierteln und waren so sicher vor
rassistischen Übergriffen. Ob ihre Familie diesen Weg
gegangen war? Lohnte es sich für sie überhaupt, ihren
Weg nach Bayern fortzusetzen?
Ohne die relative Nähe meiner geliebten Tochter zu
ahnen, befand ich mich achthundert Kilometer westlich
von ihr gerade auf einer Falkenjagd. Scheich Saleh
hatte mich eingeladen und ich hatte die Einladung
mehr als gerne angenommen. In den letzten Tagen
hatten wir viele anregende Gespräche geführt. Nach
und nach hatte ich seinen Andeutungen entnommen,
dass der Scheich mit der Politik der Mullahs in vielen
Punkten nicht einverstanden war.
Soeben ritten wir langsam nebeneinander her. Seine
obligatorische Leibwache folgte uns im gebührenden
Abstand.
„Und Doktor, nehmen Sie mein Angebot an?“, fragte
er in diesem Augenblick. „Es würde mein Herz erfreuen,
Ihnen Loujain zur Frau geben zu dürfen.“
152
Ich hatte die junge Frau tatsächlich sehen dürfen, nur
für wenige Augenblicke und verhüllt mit dem traditionellen
Hidschab. Trotzdem waren mir ihre feurigen
Augen und ihr liebreizender Körper nicht entgangen.
„Euer Angebot ist mehr als großzügig. Ich weiß dies
sehr zu schätzen. Mein Herz trauert jedoch noch um
meine verstorbene Frau.“
„Mein Beileid gehört euch und mein Herz teilt eure
Trauer. Wann verstarb eure Gattin?“
„Vor etwas mehr als einem Jahr.“
„Nun, dann ist auch in eurer Kultur der Trauer genüge
getan! Das Leben geht weiter. Ein Mann sollte nicht
unnötig den Vorzügen des irdischen Lebens entsagen.
Glaubt mir, eine Frau wie Loujain ist ein Vorzug.“
Sein Lachen sprach Bände. Erregung erfasste mich.
Eine leichte Röte überzog mein Gesicht. Zugleich fühlte
ich mich mies, als würde ich Carolin verraten.
„Ich kann einfach nicht abschätzen, was eine Hochzeit
mit sich bringt.“
„Sie gibt euch eure Freiheit zurück und macht euch zu
einem geachteten Mitglied der Gesellschaft. Ich kann
die Vorbehalte europäischer Frauen gegen unsere Art
zu leben nachvollziehen. Aber was spricht für Männer
dagegen?“
„Vielleicht unterscheidet sich unser Verständnis von
Freiheit.“
„Stimmt, der arabische Mann ist freier. Ihr Europäer
unterwerft euch kleinlichen Ängsten, lasst euch von
euren Frauen Vorschriften machen und leidet unter
vielen Komplexen. Ich sage bewusst Europäer und
nicht Christen, da es echte Christen in Europa schon
lange nicht mehr gibt. Ihr gehört ganz sicher nicht zu
153
ihnen. Sagt mir, welche Freiheit würdet Ihr als Muslim
vermissen?“
Ich schwieg. Im Vergleich zu meinem Leben in den
letzten drei Jahren würde ich Freiheiten gewinnen und
keine verlieren. Zumindest fiel mir keine ein. Auch in
Ungarn hatte keiner den Behörden gegenüber offen
Kritik geäußert. General Wahler verstand in diesem
Punkt absolut keinen Spaß. Scheich Saleh hatte mir
gegenüber hingegen offene Kritik an Entscheidungen
der Behörden und selbst der Mullahs geäußert. Wobei
sich die Religionspolizei dem von bewaffneten Kriegern
umgegebenen Scheich gegenüber sicherlich zurückhielt.
Schließlich entgegnete ich:
„Freiheit in Glaubensdingen.“
Der Scheich zügelte sein Pferd. Ich hielt ebenfalls. War
ich zu weit gegangen? Würden mich gleich seine Leute
fertigmachen oder gar den Mutawwa übergeben? Unsicher
blickte ich zu ihm rüber. In seinem Gesicht
konnte ich jedoch keine Spur von Ärger erkennen. Im
Gegenteil, es lag offene Neugierde darin.
„Erklärt mir doch bitte, was reizt euch an einem Leben
ohne Hoffnung?“
„Wie meint Ihr das?“, versuchte ich Zeit zu gewinnen.
Er ließ mein Manöver ins Leere laufen, sah mich einfach
nur Lächelnd an. Schließlich gab ich seufzend
nach und räumte ein:
„Okay, ich weiß natürlich, was Ihr damit meint: Das wir
Europäer der Vorstellung, mit unserem biologischen
Tod sei alles vorüber, den Vorzug geben.“
„Das auch, aber warum gebt Ihr euch damit zufrieden,
Ameisen zu sein?“
„Ameisen? Wieso Ameisen?“
Jetzt seufzte er.
154
„Als junger Mann bereiste ich Europa und Amerika. Ihr
kamt mir wie Ameisen vor. Stets wuselig und fleißig
am Tun. Mit eurem Fleiß erschuft ihr Werke, von denen
mein Volk nur träumen konnte. Wie faul und
modrig mir seinerzeit im Vergleich zu euch doch meine
Leute erschienen! Aus Scham wäre ich am liebsten
einer von euch geworden. Erst Jahre später erkannte
ich, wie treffend mein damaliger Vergleich doch war,
entsteht Moder doch durch einen Pilz. Ich hörte von
Ophiocordyceps, einem Pilz, der Ameisen befällt und
in den kleinen, fleißigen Strebern die Kontrolle übernimmt.
Er führt das Tier bis zu einem Platz, der ihm
optimale Lebensbedingungen bietet. Dann stirbt das
Insekt und sein Körper versorgt den Pilz mit allem, was
dieser für sein Gedeihen benötigt. Da schien es mir
nicht länger schlimm, ein Pilz und keine Ameise zu
sein.“
In seinem Hauptquartier auf dem Kappelberg wälzte
Struve sich im Todeskampf auf dem Boden, dem letzten
Kampf des vernarbten Kriegers, ohne Aussicht auf
Erfolg. In diesem Augenblick erkannte er, wie schändlich
ich ihn betrogen hatte. Zumindest starrte er mich
hasserfüllt an. Zu meinem Glück war er nicht mehr in
der Lage, seine Leibwächter um Hilfe zu rufen. Nur
ein mühsames Röcheln entkam seiner Kehle. So rief
ich laut:
„Schnell, zur Hilfe! Ein Arzt, wir brauchen dringend
einen Arzt!“
Zwei vierschrötige Wachen in Flecktarn stürmten mit
entsicherten Maschinenpistolen herein.
155
„Eure Waffen helfen dem General gar nichts!“, fuhr
ich die beiden an. „Wir brauchen sofort einen Arzt.
Struve hat einen Herzinfarkt!“
Der jüngere stürmte wieder davon, während der ältere
den Blick nicht von seinem Vorgesetzten wendete.
Dieser starrte ihn verzweifelt an, versuchte mit letzter
Kraft ihm noch etwas zu sagen. Zaudernd beugte der
Wächter seinen grauhaarigen Bürstenschnitt zu ihm
hinab. Mein Herz pochte wild. Würde ich heil aus der
Sache herauskommen? Oder schlug soeben auch mein
letztes Stündchen? Ich hoffte inbrünstig, dass mein
Tod in diesem Fall zumindest sinnvoll war. Dieser Gedanke
tröstete mich nicht wirklich. Doch Struve
schwieg für immer. Erleichtert sah ich seinen Blick
brechen. Mit einem letzten krampfhaften Zucken verließ
ihn das Leben. Zu meiner Überraschung bekreuzigte
der Soldat sich daraufhin und schloss ihm unerwartet
sanft die Augen.
In diesem Augenblick stürmte Henning herein, einer
von Struves Männern aus der zweiten Reihe. Ich
wappnete mich innerlich für das Bevorstehende. Aus
Angst, eines Tages von ihm aus dem Weg geräumt zu
werden, hatte Struve keinen starken Mann hinter sich
geduldet. Das war jetzt mein entscheidender Vorteil.
Zumindest hoffte ich dies.
„Was ist hier los?“, bellte Henning.
„Ich bin kein Arzt“, entgegnete ich möglichst ruhig,
„aber der General scheint soeben an den Folgen eines
Herzinfarktes verstorben zu sein.“
„Oder er wurde von ihm vergiftet!“, mischte sich in
diesem Augenblick der Soldat ein.
Henning fuhr zu ihm herum.
„Wie kommen Sie darauf?“

156
„Der hat ihm den Cognac hier mitgebracht.“ Er wies
auf die Flasche Camus XO Elegance. „Direkt nachdem
der General davon trank, krepierte er.“
Der Soldat zielte mit seiner entsicherten Waffe auf
mich.
„Was soll das?“, empörte ich mich. „Die Flasche ist
ein kleines Dankeschön von Landrat Balmer. Wollen
Sie ihm unterstellen, den General vergiftet zu haben?“
Henning bückte sich, hob das auf dem Boden liegende
Glas auf und roch daran. In diesem Augenblick stürmten
endlich der Arzt und weitere Männer herein. Sie
begannen mit Wiederbelebungsmaßnahmen. Ich hoffte
es traf zu, dass diese keinerlei Aussicht auf Erfolg besaßen.
Das Weiß seiner Knöchel verriet, wie krampfhaft
Henning sich an dem leeren Glas festklammerte,
während er flehentlich dem Bemühen des Arztes folgte.
Vielleicht fragte er sich in diesem Augenblick auch,
was von Struves geplantem Verrat zu Balmer durchgesickert
war.
Endlich stellten der Arzt und seine Helfer ihre Bemühungen
ein. Henning räusperte sich, ehe er den Arzt
fragte:
„Was können Sie mir über die Todesursache sagen?“
„Die Gerichtsmedizin in Winnenden wird dies mit aller
gebotenen Sorgfalt klären“, mischte ich mich ein.
„Winnenden liegt außerhalb unseres Bereichs!“, wehrte
Henning ab.
„Nicht Ihr Bereich?“ Dankbar nahm ich seine Vorlage
auf und legte so viel Schärfe wie möglich in meine
Stimme. „Was wollen Sie damit andeuten? Etwa, dass
Sie kein loyaler Kämpfer von uns Remstälern sind?
Wollen Sie sich des Verrats schuldig machen?“
Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Voller Zorn, dessen Intensität
mich selbst verwunderte, starrte ich auf ihn
herab. Außer mir trug jeder der Männer im Raum min-
157
destens eine Waffe. Ich registrierte die Unruhe unter
ihnen, nahm darauf jedoch keine Rücksicht. Ich hoffte,
dass zumindest ein Teil der Kämpfer in Struves geplanten
Putsch nicht eingeweiht war und sich den Anschluss
an Bayern wünschte.
„Natürlich nicht“, gab in diesem Augenblick Henning
klein bei. „Das mit der Gerichtsmedizin in Winnenden
geht schon in Ordnung.“
„Na also“, entgegnete ich erleichtert. „Dann lassen Sie
die Leiche des Generals dorthin schaffen.“
„Das werde ich, aber vorher“, er zog seine Pistole,
„werden Sie noch ein Glas Cognac trinken.“
Henning trat zwei Schritte zurück und zielte mit seiner
Pistole auf mich. Mein Herz raste. Dennoch gelang es
mir äußerlich ruhig zu bleiben.
„Wollen Sie vor Zeugen Selbstjustiz üben? Ich habe
Struve nicht vergiftet. Falls doch, wird die Gerichtsmedizin
dies herausfinden und es wird ein ordentliches
Verfahren gegen mich geben!“
„Trinken Sie einfach einen Schluck und ersparen Sie
uns Ihre Worte. Ihr Politiker könnt so wunderschöne
Worte drechseln. Aber wissen wir einfachen Soldaten,
ob wir euch trauen können?“
Er hatte die richtigen Sätze gesprochen, um die Kämpfer
auf seine Seite zu ziehen. Ich würde nicht umhin
kommen, einen Cognac zu trinken.
„Wenn Sie mich so nachdrücklich zu einem Gläschen
einladen, sage ich natürlich nicht nein“, entgegnete ich
spöttisch.
Ich griff mir ein Glas vom Tisch und schenkte von der
goldbraunen Flüssigkeit ein. Dann nahm ich es hoch
und schnupperte daran. Man roch von dem Gift nichts.
„Ein herrliches Gesöff“, meinte ich leichthin. „Stammt
von der letzten größeren Brennerei in Familienbesitz.
158
Wenn Sie das Geschenk des Landrats verschmähen,
nehme ich den Rest auch gerne wieder mit.“
Es war leider nicht ganz so verlaufen, wie erhofft.
Aber das ließ sich nicht ändern. Also setzte ich das
Glas an und kippte den Inhalt in einem Zug hinunter.
In Dammam saß Sascha dem Kommissar in dessen
Büro gegenüber. Keller hatte ihm mit Handschellen die
Hände auf den Rücken gefesselt.
„Ich habe gleich geahnt, dass Sie uns hier nur Ärger
machen werden!“, schimpfte er soeben.
„Ich weiß nicht, warum Sie sich so anstellen. Wir wollen
doch nur ein bisschen Spaß haben.“
„Wir reden hier nicht über Spaß haben. Ihre Alkohol-
Exzesse bringen uns alle hier in akute Gefahr!“
„Was soll daran gefährlich sein, sich…“
„Halten Sie den Mund! Das erste Mal ließ ich Ihnen
durchgehen. Beim zweiten Mal verwarnte ich Sie
nachdrücklich. Sie hatten Ihre Chance!“
Sascha erblasste.
„Was haben Sie vor?“, fragte er ängstlich.
„Ich werde Sie in die Stadt bringen und der dortigen
Polizei übergeben.“
„Das können Sie nicht tun!“, rief er verzweifelt.
„Warum nicht?“
„Sie dürfen mich nicht verraten und denen ausliefern.
Ich bin einer von uns!“
„So? Wenn Sie einer von uns wären, würden Sie uns
nicht durch Ihr asoziales Tun alle in Gefahr bringen!
Ich sagte Ihnen bereits beim letzten Mal, dass ich Ihre
Sauferei nicht dulden kann, weil sonst bald die Mutawwa
hier auftauchen. Die nehmen dann nicht nur
Sie mit!“
159
Sascha begriff, wie ernst es Keller war.
„Was werden die mit mir tun?“
Er zitterte am ganzen Körper.
„Die stecken Sie erst einmal ins Gefängnis. Irgendwann
werden Sie verhört. Ich glaube nicht, dass die Mutawwa
Sie wegen so einer Kleinigkeit foltern werden. Wie
überall auf der Welt werden sie sich damit begnügen,
Zeugen zu befragen.“
„Aber die Gefängnisse hier sollen ganz schrecklich
sein! Kein Europäer überlebt dort lange!“
„Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen. Sie wurden
gewarnt!“
Sascha sprang auf. Trotz seiner gefesselten Hände
wollte er fliehen. Aber Keller war schneller und drückte
ihn mühelos zurück in den Stuhl. Obwohl doppelt
so alt, war er deutlich trainierter und kräftiger. Er
brachte seinen Mund dicht an Saschas Ohr heran und
flüsterte:
„Bringen Sie wenigstens so viel Anstand auf, nicht
noch jemanden von uns mit ins Verderben zu reißen.“
Sascha zitterte so heftig, dass er fast vom Stuhl glitt.
„Bitte nicht!“, flehte er. „Ich tue ab sofort auch alles,
was Sie von mir verlangen!“
Keller lächelte innerlich. Endlich hatte er das kleine
Arschloch dort, wo er es haben wollte. Schließlich hatte
er dem Doktor etwas versprochen. Er war ein
Mann, der seine Versprechen hielt.
„Alles?“, fragte er. „Wirklich alles?“
Sascha nickte eifrig.
„Würden Sie auch Ihre Mutter verraten?“
Er erblasste.
„Ich…ich verstehe… nicht…“, stammelte er.
160
„Oh doch!“, unterbrach Keller ihn. „Sie verstehen! Und
zwar ganz genau!“
„Was hat mein Vater…“
„Doktor Baitinger ist nicht Ihr Vater!“
Sascha schluckte. Keller konnte ihm förmlich ansehen,
wie verzweifelt er nach einem Ausweg suchte.
„Hat Jens behauptet, ich hätte seine Frau...“
Er brach ab, zögerte auszusprechen, was ihn um Kopf
und Kragen bringen konnte.
„Erzählen Sie mir einfach, was sich in jener Nacht zugetragen
hat“, forderte Keller ihn überraschend sanft
auf.
Saschas Gedanken rasten. Bisher hatte er noch immer
einen Ausweg gefunden. Womit konnte er Keller dazu
bringen, ihn nicht den Islamisten auszuliefern?
„Ich bin unschuldig! Hat Jens Ihnen nicht erzählt, dass
ich Carolins Mörder erschossen und ihm zur Flucht
nach Bayern verholfen habe? Wäre ich wirklich selbst
der Mörder, hätte ich Jens doch gleich auch noch erschossen!“
„Was genau geschah in jener Nacht?“
Sascha begann zu Weinen.
„Glauben Sie mir doch bitte!“, flehte er unter Tränen.
„Was taten Sie in jener Nacht vor dem Haus des Doktors?“
Sascha hatte es noch nie mit einem richtigen Polizisten
zu tun gehabt, sondern immer nur mit primitiven, gewaltbereiten
Milizionären. Mit denen war er immer
fertig geworden. Kellers Ruf war unter den Unangepassten
im deutschen Ghetto legendär. Einst war er
ein richtig guter Kriminalbeamter gewesen. Alle waren
sich einig, dass man besser nicht in eines seiner Verhöre
geriet. Trotz seiner Härte galt er als menschlich.
161
„Ich schob Wache vor dem Haus der Baitingers. Die
beiden wollten flüchten und ich hatte mir vorgenommen,
ein bisschen auf sie Acht zu geben.“
„Warum?“
„Sie waren die Eltern meines Freundes.“
„Es fällt mir schwer zu glauben, dass dies allein Sie zu
so einer anstrengenden Aufgabe motivierte.“
„Das war nicht anstrengend für mich.“
„Nein? Bei eisigen Temperaturen Nacht um Nacht in
einem fremden Garten Wache zu schieben, statt im
warmen Bett zu schlafen, war nicht anstrengend?“
Sascha schwieg. Sein Blick drückte seinen Missmut
über Kellers Entgegnung deutlich aus. Jener fuhr fort:
„Oder wussten Sie, dass die beiden genau in jener
Nacht abreisen wollten?“
„Nein“, antwortete er noch missmutiger.
„Haben Sie mit den Baitingers darüber gesprochen,
dass Sie auf die beiden aufpassen wollten?“
Er schüttelte stumm den Kopf.
„Warum nicht? Es wäre doch viel leichter gewesen,
den beiden Ihr edles Vorhaben zu offenbaren, als
Nacht für Nacht Wache vor deren Haus zu schieben.“
„Ich habe nicht daran gedacht.“
„Quatsch! Sie wussten genau, dass die beiden Ihnen
nicht vertraut hätten!“
„Die Zeiten waren von gegenseitigem Misstrauen geprägt.
Dafür kann ich doch nichts!“
„So? Wovon sind Ihrer Meinung nach die Zeiten hier
und jetzt bei uns in Dammam geprägt?“
Schon wieder eine seiner Fangfragen! Was zum Teufel
sollte er da nur antworten?
„Von gegenseitigem Zusammenhalt“, schlug Sascha
vor.
162
Zumindest hoffte er inständig, dass Keller so solidarisch
war, ihn doch nicht auszuliefern. Erleichtert sah
er Keller nicken.
„So ist es“, bestätigte dieser. „Zumindest unter den
meisten gilt bis zu einem gewissen Grade ein erstaunlicher
Zusammenhalt. Aber es gibt eine kleine Gruppe
unter uns, die auch nach all dem Schrecken der letzten
Jahre nichts verstanden hat. Die haben nach wie vor
nur ihren eigenen Spaß und ihren Vorteil im Blick. Von
den meisten werden sie toleriert und gelitten, aber
vertrauen tut ihnen keiner. Sie haben es schon in Ihrer
ersten Nacht geschafft, genau diese Gruppe ausfindig
zu machen.“
„Nur, weil ich gerne mal einen trinke und ein bisschen
Spaß habe, stempeln Sie mich zum Mörder ab?“,
kreischte Sascha.
Keller schüttelte den Kopf.
„Sie haben noch immer nicht verstanden. Wir sind
hier nicht vor Gericht. Nicht ich muss Ihnen Ihre
Schuld nachweisen. Es liegt an Ihnen, mich von Ihrer
Unschuld überzeugen.“
Pauline war in München gelandet und mit dem Zug bis
Aalen gefahren. Die Römer hatten dort einst zum
Schutz ihrer Grenzen gegen die wilden Germanen eine
Reiterkaserne angelegt. Dieser Tradition folgend hatte
die Bayernwehr dort nach dem Anschluss des östlichen
Württembergs an Bayern eine große Garnison
aufgebaut. Pauline war geschockt, wie stark das Stadtbild
von Uniformierten geprägt wurde. Auf ihrem Weg
die Bahnhofstraße entlang in Richtung Altstadt trug jeder
dritte Mann Kampfmontur oder Ausgeh-Uniform.
163
Schnell erreichte Pauline die Altstadt. Dort stellte sie
fest, nur noch der Grundriss der Straßen war alt. Der
Großteil der Gebäude dort war Opfer einer der Kriege
geworden, welche die Region zwischen 1618 und 1945
mehrmals verwüsteten. Pauline wünschte den Einwohnern,
dass kein weiterer hinzukäme.
Mühelos fand sie die Adresse in der Spitalstraße. Das
Gebäude entpuppte sich als eines der wenigen noch
existierenden Fachwerkhäuser. Sie klingelte. Eine Frau
in den besten Jahren öffnete ihr. Ihr Gesicht war von
tiefen Lachfalten überzogen, ihre Backen besaßen eine
gesunde Farbe und ihr sehniger Körper wirkte kräftig.
„Frau Baitinger?“, fragte sie.
Pauline nickte.
„Dann müssen Sie Frau Weber sein?“
„Kommen Sie rein.“
Pauline folgte ihr in eine gemütliche Küche. Ein alter,
gusseiserner Herd verbreitete behagliche Wärme.
„Obwohl wir jetzt zu Bayern gehören, sind Gas und
Strom nach wie vor knapp und teuer“, erklärte die
Hausherrin. „Aber wenigstens haben wir genügend
Holz, um einen Raum des Hauses zu heizen.“
Wortlos reichte Pauline ihr einen Umschlag mit chinesischen
Yuan-Noten, der neuen internationalen Leitwährung.
Im Unterschied zu den Amerikanern waren
die Chinesen nach wie vor an internationalem Handel
interessiert. Der Betrag war vorab per Internet miteinander
vereinbart worden.
Frau Weber bedankte sich, legte den Umschlag ohne
nachzuzählen in eine Schublade. Pauline öffnete ihren
großen Koffer und entnahm ihm ein Pfund vakuumverpackten
Kaffees.
„Hier, als Gastgeschenk.“
164
Die Augen der älteren Frau strahlten vor Freude.
„Sie glauben gar nicht, wie selten wir hier so etwas bekommen!“
„Das ist mir bewusst. Deshalb wollte ich Ihnen auch
diese Freude machen.“
„Vielen Dank! Soll ich uns gleich einen zubereiten?“
Pauline zauderte. Ein Kaffee täte jetzt gut. Aber sie
hatte diesen Luxus bis gestern täglich genossen und
würde ihn, im Gegensatz zu ihrer Gastgeberin, hoffentlich
auch bald wieder täglich genießen dürfen.
Also lehnte sie dankend ab.
„Ich habe für uns beide Kräutertee vorbereitet“, meinte
Frau Weber.
Geschickt stellte sie eine Kanne dampfenden Tees und
einen Teller Nusskuchen auf den Tisch.
„Wollen Sie wirklich gleich morgen weiter nach Stuttgart?“
„So ist es vereinbart.“
„Kennen Sie die aktuelle Entwicklung?“
„Sie meinen die Volksabstimmung eines Gebietes rund
um Waiblingen ebenfalls Bayern beizutreten?“
„Genau die meine ich! Die Abstimmung soll morgen
stattfinden. Weder die Nationalisten noch die Guten
sind...“
„Die Guten?“, fragte Pauline irritiert.
„Kennen Sie die nicht?“
„Nein. Wer soll das sein? In diesem Krieg ist wohl keiner
gut!“
„Der Name ist auch ironisch gemeint. Nichts für ungut,
schließlich gehört Ihre Familie dazu. Wir hier nennen
die so, weil die sich weigern die Realität zur Kenntnis
zu nehmen und sich stattdessen lieber als die Guten
fühlen. Dabei verfolgen auch die nur ihre eigenen In-
165
teressen, setzen sich für niemand außer sich und die
ihren ein, während sie sich in ihren Festungen verschanzen.“
„Ihre Worte passen genau auf meinen Vater! Ich habe
ihm früher immer vorgeworfen, lieber in seiner
Traumwelt zu leben, als sich der Realität zu stellen.“
Frau Weber sah Pauline neugierig an.
„Das Ihnen zu erklären, führt jetzt wohl zu weit“, winkte
Pauline ab. „Sie wollten mir gerade etwas über die
Nationalisten und die Guten erzählen. Übrigens nennen
die internationalen Medien die Guten die Freie
Demokratische Armee, oder abgekürzt FDA.“
„Sowohl die Guten als auch die Nationalisten sind dagegen,
dass die Remstäler sich Bayern anschließen.
Um das zu verhindern griffen sie in den letzten Tagen
gemeinsam die Remstäler an.“
„Die FDA macht gemeinsame Sache mit den Nationalisten?“,
fragte Pauline sichtlich schockiert.
„In deren Augen sind wir Bayern der gemeinsame
Feind.“
„Aber das ist doch totaler Blödsinn!“
„Mir brauchen Sie das nicht sagen. Aber wenn Sie
wirklich dorthin reisen, halten Sie dort lieber den
Mund. Sonst kommen Sie vielleicht nie wieder.“
Pauline starrte die ältere Frau an. Meinte Sie das
ernst? Oder wollte Frau Weber sie nur länger als Gast
bei sich haben, um mehr Geld herauszuschlagen?
„Hören Sie, wir stehen zu unserem Wort“, griff diese
ihre Gedanken auf. „Wenn Sie es wollen, bringt mein
Sohn Sie morgen bis an die Grenze nach Lorch. Haben
Sie Ihren alten deutschen Ausweis dabei?“
Pauline nickte.
166
„Gut, wenn die Grenzer sehen, dass Sie aus Stuttgart
kommen, lassen die Sie ausreisen. Viele begeben sich
auf die Suche nach Angehörigen. Wir und unsere Soldaten
sind keine Unmenschen. Hendrik hat seinen
Kontaktmann auf der anderen Seite über Sie informiert.
Der wird Sie in Empfang nehmen.“
„Hatten die Nationalisten mit ihren Angriffen Erfolg?“
„Das weiß keiner so genau. Angeblich nicht, aber die
Remstäler würden dies aus Angst, dann doch nicht
von uns aufgenommen zu werden, vielleicht auch
nicht offen sagen.“
„Wie komme ich vom Remstal hoch zur Freien Demokratischen
Armee auf die Fildern?“
„Hendriks Kontaktmann wird Sie nach Untertürkheim
bringen. Dort gibt es eine Brücke, sofern diese nicht
bei den letzten Kämpfen zerstört wurde. Die Wachen
werden Sie passieren lassen. Auf der Wangener Seite
wird eine weitere Kontaktperson Sie in Empfang nehmen.“
„Woher weiß ich, dass dies alles so läuft und mich
nicht einfach jemand meines Besitzes beraubt und erschießt?“
„Das können Sie gar nicht wissen. Ich kann Ihnen nur
sagen, dass unser Netzwerk von Helfern daran interessiert
ist, auch übermorgen noch Menschen wie Ihnen
helfen zu können. Würde Ihr Mann aller Welt verkünden,
seine Frau sei von uns ermordet worden, schadet
das dem Geschäft. Es liegt daher in unserem Interesse,
dass Sie gesund zurückkommen und uns empfehlen.“
„Netzwerk…, Geschäft…, sind Sie etwa Schleußer?“
Frau Weber seufzte vernehmlich.
„Manche Politiker versuchen mit diesem Begriff unser
Tun zu verunglimpfen. Ich würde sagen, wir sind eine
167
Gruppe von Menschen, die anderen in einer schwierigen
Lage helfen möchte. Natürlich müssen auch wir
überleben.“
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Ein deutlich
übergewichtiger Mann in Paulines Alter trat ein.
„Hallo“, grüßte er knapp, ehe er am Tisch Platz nahm.
„Das ist mein Sohn Hendrik.“
Pauline sah an ihm herunter. Der sollte sie, möglicherweise
in einem anstrengenden Fußmarsch, bis zur
Grenze oder auch darüber bringen? Pauline hatte sich
ihren Führer anders vorgestellt.
„Ich weiß, was Sie denken!“, meinte Hendrik. „Andere
führen das Leben einer Couch-Potato und träumen davon,
den Körper eines Raubtieres zu haben. Ich lebe
hingegen als Raubtier und tarne mich absichtlich mit
dem Körper einer Couch-Potato. Unter meinem Speck
lauern stählerne Muskeln.“
Sein Lächeln deutete an, dass er seine Worte nicht
ernst meinte. Hendrik griff nach einem Stück Kuchen
und schob es sich in den Mund.
„Was gibt es neues?“, fragte ihn seine Mutter.
„Ein Warlord putschte gegen den Balmer und erschoss
ihn samt seiner Administration. Vorher schloss er mit
dem Wahler und seinen Guten auf der anderen
Neckarseite ein Bündnis. Die Volksabstimmung ist abgesagt.“
Im Anschluss an unseren Ausritt lud mich Scheich Saleh
in sein Zelt ein. Seine Dienerinnen verwöhnten uns
mit würzigen und schmackhaften Gerichten der arabischen
Küche, die ich zu schätzen gelernt hatte. Jetzt
lag ich träge neben dem Scheich in den Kissen. Eine
Orientalin tanzte für uns. Ihre Beweglichkeit war er-
168
staunlich, besonders faszinierte mich die Art und Weise,
wie sie unterschiedlichste Partien ihres Körpers in
Schwingung versetzte. Eine sinnliche, gar sexuelle
Stimmung lag in der Luft.
„Gehört der Tanz hier zu Ihrer ursprünglichen Kultur?“,
wandte ich mich an den Scheich.
Dieser inhalierte tief den Rauch seiner Zigarette, ehe
er träge zurückfragte:
„Was meinen Sie mit ursprünglich? Seit zwei, zwanzig,
zweihundert oder zweitausend Jahren? Eine Gegenfrage:
Gehört Fußball zu Ihrer ursprünglichen Kultur?“
„Äh...“, stammelte ich.
Er verfolgte mit halb geschlossenen Augen weiter die
Darbietung der Tänzerin.
„Ach vergessen Sie meine Frage. Sie war unhöflich. Ich
entschuldige mich dafür.“
„Aber mein Freund, Sie brauchen sich für Ihre Neugierde
doch nicht zu entschuldigen. Wie Sie wissen,
freue ich mich über Ihr Interesse an unserer Kultur!“
Seine Art und Weise dies zu sagen, verunsicherte
mich. Meinte er es ernst? Oder war dies seine Form
der Ironie? Je häufiger wir uns begegneten, desto öfter
sprach er so mit mir.
Er äußerte einige arabische Sätze. Daraufhin beendete
die Tänzerin ihre Darstellung, verneigte sich tief und
trat ab. Er nahm ihre Ehrerbietung mit einem freundlichen
Lächeln und huldvollem Kopfnicken entgegen.
Die Musiker am anderen Ende des Zeltes verstummten,
blieben aber auf ihren Plätzen sitzen.
Der Scheich sah mich nachdenklich an. Mir wurde unwohl.
Was hatte er mit mir vor? Gab er sich wirklich
nur aus Dankbarkeit so mit mir ab?
169
„Wir Araber sind keineswegs so homogen, wie es auf
Sie wirken mag. Innerhalb eines gewissen Rahmens
kann jeder von uns sich seine eigene Kultur gestalten.
Zumindest, wenn er einen gewissen Stand innehat. Ein
einfacher, sesshafter Mann dort drüben in der Stadt
muss sich den engstirnigen Vorstellungen engstirniger
Geistlicher beugen.“
„Sie hingegen nicht, weil Sie ein Scheich sind?“
„Ich gehöre einem der traditionellen Stämme an, der
zumindest noch einen Teil des Jahres seine ursprüngliche
Lebensweise pflegt. Wir Nomaden sind eine der
Quellen, aus der alle Araber ihre Identität speisen. Daher
kann ich mir gewisse Freiheiten nehmen. Das beduine
Nomadentum und Mohammed sind die beiden
Hauptwurzeln unserer Kultur. Außerdem nahm unser
alter König sich von jedem der Stämme eine Frau. Entfernt
sind hierdurch wir von den Stämmen alle miteinander
verwandt. Wer sich mit einem von uns anlegt,
legt sich mit allen an. Das wagte bisher noch keiner
von denen.“
Mich überkam ein mulmiges Gefühl. Hatte mich Keller
mit seiner Paranoia angesteckt? Was, wenn einer der
Männer des Scheichs doch Deutsch sprach? Oder eine
Wanze dieses Gespräch zur Religionspolizei übertrug?
Schließlich war klar, wen er mit „denen“ meinte.
„Haben Sie keine Angst vor den Mutawwa?“
„Pah!“
Er sprang behände auf, zog sein traditionelles Schwert
und hob es mit beiden Händen in die Höhe.
„Die sollen es nur wagen, sich hier blicken zu lassen!“
Besorgt blickte ich zu den Musikern, die seinen Bewegungen
mit aufflackerndem Interesse folgten. Er warf
ihnen einen grimmigen Blick zu, woraufhin diese ihre
170
Augen zu Boden senkten. Ihr Gebieter ließ sich wieder
neben mir nieder. Aufgesetzt heiter meinte er:
„Vielleicht könnten Sie darauf verzichten Worte zu verwenden,
die allgemein hier verstanden werden?“
„Entschuldigen Sie bitte, war mein Fehler.“
„Jetzt seien Sie nicht gleich so verdammt unterwürfig!
Ich sitze schließlich hier mit Ihnen, um mal wieder
einen Gesprächspartner zu haben, der mir wenigstens
halbwegs ehrlich sagt, was er denkt!“
Saleh stürzte ein weiteres Glas seines Tees hinunter.
Sofort schenkte er sich selbst nach. Ein Verhalten, dass
ich heute erstmals bei ihm sah. Als er sich einschenkte,
stieg mir erneut Whiskey-Geruch in die Nase. Trank
er wirklich Tee? Und falls ja, womit war dieser versetzt?
Unter der höflichen Oberfläche des Scheichs
trat zunehmend ein gereizter, aggressiver Mann zu
Tage. Betrank er sich soeben und hatte sein Verhalten
mit dem alkoholbedingten Kontrollverlust zu tun? Mir
wurde zunehmend mulmig. Vielleicht würden die Mutawwa
ihn wirklich in Ruhe lassen. Wie ich in letzter
Zeit erfahren hatte, würden sie bei mir hingegen keine
Rücksicht nehmen.
„Wissen Sie“, fuhr der Scheich fort, „ich vermisse die
Reisen nach Europa. Natürlich liebe ich mein Land und
ehre seine Traditionen. Aber bei uns ist alles so verdammt
rituell festgelegt. Wie wunderbar hingegen die
Abwechslung im alten Europa war! Drei- bis viermal
im Jahr dort zu sein, genoss ich wirklich. Jetzt zerfleischt
die eine Hälfte Europas sich gerade gegenseitig
und die andere Hälfte will uns nicht reinlassen. Die
haben Angst, wir richten euch vollends zugrunde.“
Mittlerweile war ich mir sicher, dass der Tee kräftig Alkohol
enthielt.
171
„Was wissen Sie über Europa?“
„Ich?“ Er grinste breit. „Ich bin nur ein dummer Kameltreiber,
rein gar nichts weiß. Außer, dass unsere
Mullahs vielleicht doch gefährlicher sind, als man
denkt. Zumindest verfolgen diese ihre Ziele mit großer
Ausdauer und Beharrlichkeit. Hörten Sie schon von
deren neuer Initiative, die barbarische Sitte der Abtreibung
zu stoppen?“
„Nein. Ich dachte, hier gäbe es keine Abtreibungen.“
„Gibt es auch nicht.“
Ich sah ihn ratlos an. War er jetzt total betrunken?
Sein Lächeln wirkte nicht so.
„War es in Europa jemals Sitte Frauen zu
beschneiden? Also ihnen mit einem scharfen Messer
ihre Klitoris zu entfernen?“
„Nein!“, entgegnete ich entsetzt.
„Trotzdem habt ihr euch in Afrika eingemischt und denen
zu verstehen gegeben, dass deren Traditionen in
euren Augen barbarisch seien. Daher sollten sie diese
gefälligst stoppen. Ihr kamt euch gut und moralisch
überlegen dabei vor, euch bei Afrikanern einzumischen.
Zu unserer Tradition gehört es, dass von Allah
gespendetes Leben ein Recht darauf hat, geboren zu
werden. Ungeborenes Leben mit einer Art von Staubsauger
oder sonstigen Mitteln der Gewalt noch im
Leib der Mutter zu töten, halten wir für barbarisch.
Mit dem Segen und der Unterstützung unserer höchsten
geistlichen Würdenträger gründeten Frauen daher
eine Art Entwicklungshilfe-Initiative, die in Europa
missionieren und eure Frauen von ihrem barbarischen
Tun abhalten soll.“
172
Fassungslos starrte ich ihn an. Meinte er das ernst?
Oder verarschte er mich gerade gewaltig? Er lächelte
süffisant und fuhr fort:
„Aber lassen Sie uns nicht länger von der langweiligen
Politik reden. Wollen Sie nun Loujain zur Frau nehmen
und einer der unsrigen werden?“
„Sie machten soeben nicht gerade Reklame für Ihre lokale
Lebensweise.“
„Womit?“
„Beispielsweise indem Sie äußerten, lieber im alten
Europa leben zu wollen.“
„Das habe ich nie gesagt und auch nie gemeint. Das
Leben war hier in Arabien immer sehr viel besser, als
in Europa. Mir fehlt ein ganz winziges bisschen die Abwechslung,
die das alte Europa mir bot. Aber zum
einen existiert jenes Europa nicht mehr. Es wird in dieser
Form auch nie wieder existieren. Zum anderen waren
Sie ohnehin nie jemand, der diese Abwechslung
lebte oder auch nur hätte genießen können.“
„Da haben Sie wohl Recht, ich war meiner Frau immer
treu!“
„Wie primitiv und vorurteilsgeladen Ihre Einstellung
doch mir und meinesgleichen gegenüber ist! Ich bin
nicht nach Europa, um sexuelle Abwechslung zu finden.
Die habe ich hier schon mehr als genug. Es war
einfach geil, an einem Abend in einem elitären Hotel
in Nizza Französinnen und Engländer, die so steif waren,
dass ihnen der Stock aus dem Arsch kam, mit meiner
unverfälschten Männlichkeit zu schockieren und
am Tag darauf mit kaputten Berlinern, denen es
scheißegal war, wer und was du bist, in einem abgefuckten
Kellerclub zu tanzen. Ich bin mir sicher, das haben
Sie so nie gemacht. Sie haben sich vermutlich im-
173
mer schön brav in ihrem engen, politisch überkorrekten
Kreis gedreht!“
„Wenn...“
„Behalten Sie es für sich, es interessiert mich nicht!
Weiterhin haben Sie mir gerade vorgeworfen, keine
Werbung für unsere lokale Lebensweise gemacht zu
haben. Das lässt sich ändern.“
Er wandte sich den Musikern zu. Auf Arabisch brüllte
er ein paar Sätze, die diese zusammenzucken ließen.
Kurz darauf stimmten sie eine wilde, an einen irrsinnigen
Derwisch erinnernde Melodie an. Unbehaglich
starrte ich auf das noch immer verärgerte Gesicht meines
Gastgebers. Ich überlegte gerade fieberhaft, wie
ich den Schaden wieder beheben könnte, als eine
neue Tänzerin hereinstürmte.
Ihr Körper war jünger, geschmeidiger und anmutiger
als der ihrer Vorgängerin. Hypnotisiert starrte ich auf
ihre sich wiegenden Hüften. Die wilde Erregung der
Musik griff auf mich über. Ich folgte ihren wohlproportionierten
Rundungen hinauf zum Schleier, der ihre
Gesichtszüge verbarg. Bei ihren Augen angelangt, traf
mich der Schlag. In diesen vage vertrauten Augen lag
keinerlei Sinnlichkeit oder gar der Wunsch zu verführen.
Nackte Verzweiflung zeichnete sich darin ab. Was
hatte den Scheich dazu getrieben, dies hier Loujain abzuverlangen?
Ab diesem Augenblick würde ich sein
Angebot nicht länger ausschlagen können, ohne ihn
und seinen Stamm gegen mich aufzubringen.
Eine der Wachen trat ins Zelt und räusperte sich. Der
Scheich runzelte missmutig die Stirn, machte aber ein
Handzeichen. Loujain verbeugte sich hastig, ehe sie
beschämt abtrat. Der Wächter kam auf uns zu. Er
beugte sich zu seinem Herrn hinab und flüstere die-
174
sem etwas ins Ohr, woraufhin sich dessen Blick noch
weiter verfinsterte.
„Kommen Sie mit!“, befahl er und erhob sich.
Ich folgte ihm hinaus. Zwischen den Zelten durch lief
er in Richtung der Betonklötze. Herrschte sonst um
diese Stunde bei den Beduinen ein reges Treiben, wurde
fröhlich in dem mir unverständlichen Singsang miteinander
geschnattert, herrschte jetzt hingegen gespenstische
Stille. Hinter den letzten Zelten, vor dem
staubigen Platz zwischen ihnen und dem ersten Betonklotz,
drängten sich schweigend Scheich Salehs Leute.
Sie bildeten für ihren Anführer und somit auch für
mich eine Gasse. Durch die Menge hindurch spähte
ich nach vorne. Mitten auf dem Platz parkte ein Pickup
der Mutawwa. Überrascht registrierte ich, mit welchem
Hass die Männer in deren Richtung starrten. Mit
wild pochendem Herzen erreichte ich die vorderste
Reihe, als zwei Religionspolizisten mit einem Mann
zwischen sich aus Kellers Büro traten. Auch auf die
Entfernung erkannte ich ihn sofort.
Balmer regelte routiniert die dringlichsten Dinge, dann
scheuchte er alle bis auf mich hinaus. Er wies auf seine
Besprechungsecke.
„Nimm schon mal Platz!“, forderte er mich auf. „Ich
komme gleich.“
Der Landrat holte eine Flasche seines legendären, von
ihm selbst gebrannten Zwetschgen-Schnapses und
zwei Gläser, keine für Schnaps, sondern gewöhnliche
für Wasser. In meinem Beisein hatte er noch nie zu so
früher Stunde Hochprozentiges getrunken. Aber heute
war ein besonderer Tag. Er setzte sich zu mir, schenkte
uns reichlich ein und hob sein Glas. Wir prosteten uns
175
zu, stürzten dann das im Hals brennende Gesöff hinunter.
Der Landrat schüttelte sich kurz, einen Laut des
Wohlbehagens von sich gebend. Dann sah er mich aufmerksam
an.
„Und Sascha? War es schwer, Struve den präparierten
Cognac unterzujubeln?“
„Nein.“ Zur Bekräftigung drehte ich den Kopf hin und
her. „Du hast es treffend vorhergesagt. Als er das Etikett
erblickte, ging seine Gier mit ihm durch. Schnurstracks
lief er mit der Flasche zu seiner Bar, schenkte
sich ein großes Glas voll ein.“
„War er überhaupt nicht misstrauisch? Er muss doch
geahnt haben, dass wir von seinen Putschplänen wussten.“
„Struve war viel zu sehr von sich überzeugt. Der hielt
uns für harmlose Trottel und kassierte die Quittung dafür.“
Balmer schwieg. Statt mir meine tapfer vorgetragenen
Worte abzunehmen, sah er mich einfach nur an. Unter
seinem wissenden Blick fiel es mir schwer, mir weiter
was vorzumachen. Tränen bildeten sich in meinen Augen.
„Hast du jemals zuvor einen Menschen getötet?“
Stumm, kurz vorm Zusammenbrechen, schüttelte ich
den Kopf.
„Deine heutige Tat war mutig und außergewöhnlich.
Du weißt, dass du vielen unserer Landsleute großes
Leid erspart und wahrscheinlich auch hunderte Leben
gerettet hast.“
Ich nickte dankbar für seine Worte, während die Tränen
lautlos meine Wangen hinab strömten.
„Sascha, das werde ich dir nie vergessen! Trotzdem
darf niemand von deiner heutigen Tat erfahren, schon
allein zu deinem eigenen Schutz!“
176
Ich musste mich mehrmals räuspern, ehe ich in der
Lage war zu antworten:
„Das ist mir klar.“
Meine Stimme klang belegt. Wie hatte ich vorhin nur
so cool sein können?
„Gut. Hat das Gift rasch gewirkt?“
Erneut nickte ich.
„Kaum hatte er ein paar Schlucke getrunken, da wälzte
er sich auch schon auf dem Boden.“
„Und schöpfte niemand Verdacht?“
„Doch, Henning zwang mich mit vorgehaltener Pistole,
selbst ein Glas des Cognacs zu trinken.“
„Wie schrecklich!“
„Zum Glück gab ich das Gegengift in die Flasche, ehe
ich die Wachen zur Hilfe rief. Es wirkte tatsächlich.“
Unsicher, ob die Wirkung des Gegengiftes von Dauer
wäre, sah ich ihn an.
„Keine Sorge“, beruhigte er mich. „Damit hast du das
Gift dauerhaft neutralisiert. Dir wird nichts passieren.
Wo ist die Flasche jetzt? Es ist unter den heutigen Umständen
zwar unwahrscheinlich, dass ein Labor die
notwendige Ausrüstung besitzt, aber…“
Ich zog die Flasche aus meiner Aktentasche. Balmer
entschlüpfte ein erleichtertes Lächeln.
„Prima! Auf dich ist Verlass!“
„Glaubst du, Struves Männer ziehen ohne ihn den
Putsch durch?“
„Nein. Die ahnen, dass wir von ihren Plänen wissen
und deshalb Struve aus dem Weg räumten. Jeder von
denen hat jetzt Schiss, als nächstes dran zu sein.“
„Lädt das nicht zu einem Putschversuch ein?“
„Im Gegenteil. Keiner besitzt auch nur annähernd
Struves Autorität. Außerdem hast du Henning mit einem
Teil von Struves Männern mit hierher gebracht.
Offiziell zur Verstärkung von Tergels Männern zur Ab-
177
sicherung der Volksabstimmung. Aber Henning ist
kein Dummkopf. Der weiß genau, dass Tergels Leute
ihn genau im Blick haben und nicht zögern werden,
ihn auszuschalten. Henning wird sich eifrig und korrekt
verhalten, hoffen, dass er ungeschoren davonkommt.
Von den übrigen Verschwörern wird sich der
ein oder andere über den Neckar absetzten, was uns
nur Recht sein kann.“
*
Zu ihrer eigenen Überraschung hatte Pauline trotz der
widrigen Umstände in dem fremden Bett tief und fest
geschlafen. Jetzt lag sie wach unter der Daunendecke
und sah sich um. Mit allen Sinnen ließ die Atmosphäre
der Kammer mit ihrem uralten Dielenboden, schiefen
Putzwänden und dem winzigen Holz-Sprossen-Fenster
auf sich wirken. Sie seufzte. Früher hatte sie gerne mit
Freundinnen oder auch ihren jeweiligen Lovern Radtouren
entlang kleinerer und größerer Flüsse ihres
Heimatlandes unternommen. Dabei hatte sie bevorzugt
in historischen Gemäuern übernachtet. Die Kammer
erinnerte sie an bessere Zeiten, vielleicht sogar
ihre besten. Ein Gefühl von Sehnsucht und Heimatverbundenheit
erfasste sie so stark, dass es sie beinahe
zerriss. Warum war ihr geliebtes Deutschland nur so
einen fatalen Weg gegangen? Sie begann zu weinen.
Erst als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte,
wusch sie sich eilig im kalten Bad mit eisigem Wasser,
kleidete sich an und begab sich in die Küche hinab.
„Guten Morgen, gut geschlafen?“, begrüßte Frau Weber
sie fröhlich.
„Guten Morgen, ja, überraschend gut.“
178
„Das ist schön. Jetzt frühstücken Sie erst mal richtig.
Dann bringt Hendrik Sie an die Grenze nach Lorch.“
„Macht das denn überhaupt Sinn?“
„Heute Morgen kam im Radio, dass Landrat Balmer im
letzten Augenblick einen Putsch niederschlagen konnte.
Die Volksabstimmung ist bereits im Gange und die
Menschen beteiligen sich rege.“
„Aber Hendrik sagte doch gestern...“
„Gerüchte, nichts als Gerüchte! Die gibt es seit der
ganzen Malaise zuhauf. Jetzt frühstücken Sie erst einmal
richtig, damit Sie genug Kraft für den Tag haben.“
Pauline folgte der Aufforderung gerne. Fast hatte sie
vergessen, wie gut deutsches Brot schmeckte. Auch
Frau Webers selbst gekochte Marmelade war ausgesprochen
lecker.
Nach dem Essen packte sie das Notwendigste in einen
Rucksack. Den großen Koffer würde sie mit einem Teil
ihres Gepäcks hierlassen. Draußen herrschten eisige
Temperaturen. So zog sie die Thermo-Unterwäsche
an. Vor dem entscheidenden Schritt zum Verlassen
der Zivilisation fühlte ihr Magen sich flau an. Sollte sie
es wirklich wagen?
Eine Stunde später saß sie mit Hendrik im einzigen Zug
des Tages nach Lorch. Er war so überfüllt, dass viele
Leute stehen mussten. Jeder hatte riesige Koffer, Taschen
oder Rucksäcke dabei.
„Was wollen die alle in Lorch?“, fragte Pauline ihren
Führer überrascht.
„Verwandte besuchen, Handel treiben, Geschäfte abschließen
und so Sachen eben.“
„In Lorch?“
179
„Nein, natürlich auf der anderen Seite der Grenze.
Lorch ist einer von drei Grenzübergängen nach Württemberg.“
„Kann man einfach so dorthin ausreisen?“
„Sicher, warum nicht?“
So wie er tat, schien ihre Frage blöd zu sein. Sie zauderte,
schob dann aber eine weitere nach:
„Komme ich auch problemlos wieder zurück.“
„Sie schon, Ihre Familie hingegen leider nicht. Es sei
denn, Sie haben australische Visa für alle.“
„Gibt es denn sonst gar keine Möglichkeit?“
„Eigentlich gibt es keine, aber Sie haben Glück. Wenn
die Remstäler sich für Bayern entscheiden, nehmen
wir die auf. Ihre Familie muss nur rechtzeitig ins Remstal
übersiedeln, dann kommen sie mit zu uns.“
„Warum nimmt Bayern nicht alle Menschen auf, die
aus dem Chaos dort drüben flüchten wollen.“
Er sah sie mitleidig an. Dann meinte er:
„Mitgefühl und Einfühlungsvermögen sind wertvolle
menschliche Eigenschaften. Man sollte sich nur davor
hüten, diese allzu sehr handlungsleitend werden zu
lassen. Auch jetzt schon müssen bei uns Menschen
hungern. Wir können keine noch größere Bevölkerung
versorgen. Die Remstäler bringen Land mit, um sich
selbst zu ernähren und Kämpfer, um sich selbst zu verteidigen.“
Sie starrte auf Hendriks üppigen Körper. Wenn er sich
mäßigte, könnte man einen Menschen mehr ernähren.
„Was ist da drin?“
Sie zeigte auf seinen riesigen Rucksack.
„Mehl, Salz und elektronische Ersatzteile.“
180
„Sie dürfen denen Mehl verkaufen? Ich dachte Bayern
hat nicht genug zum Essen!“
„Dafür bringe ich von drüben Wein mit. Den gibt es in
Bayern seit der Abspaltung Frankens gar nicht mehr.“
Der Zug lief im Bahnhof Lorch ein, derzeit die Endstation.
Die Menschen drängten hinaus und begaben sich,
mehr oder weniger schweigsam, in einer großen Kolonne
auf den Marsch zur Grenze. Das Tal verengte
sich an dieser Stelle. Pauline sah auf beiden Seiten militärische
Befestigungen tief in die Höhenzüge eingegraben.
Wer versuchte hier durchzustoßen, würde
einen hohen Blutzoll bezahlen.
Die Kolonne geriet ins Stocken. Die Ersten hatten die
direkte Grenzbefestigung erreicht. Es handelte sich um
einen hohen Erdwall, den sie durch einen Tunnel passieren
mussten. Die letzten hundert Meter vor dem
Tunnelmund befanden sich rechts und links der Straße
Bunker, aus denen Maschinengewehre auf sie zielten.
Als sie den Tunnel endlich passierten sah Pauline, dass
sich hundert Meter davor ein hoher Zaun befand, der
oben zusätzlich mit Stacheldrahtrollen verstärkt war.
„Wer den Zaun zu übersteigen versucht, wird ohne
Vorwarnung erschossen“, erklärte Hendrik ihr. „Sagen
Sie das Ihrer Familie, falls die es nicht ohnehin schon
wissen.“
„Kommt das häufig vor?“
„Anfangs ein paarmal. Dann hat es sich rumgesprochen.
Außerdem hat der Balmer die Lage da drüben
ganz gut im Griff. Weiter im Norden, wo die Islamisten
manchmal Vorstöße bis an unsere Grenze machen, ist
die Lage ernster. Da versuchen nach wie vor Menschen
in ihrer Verzweiflung, den Zaun zu überwinden.
181
Deshalb bin ich nicht überzeugt davon, dass wir die
Remstäler zu uns reinlassen sollen.“
„Zumal deren Beitritt Ihren Geschäften die Grundlage
entziehen würde.“
„Ach was!“, wehrte er ab. „Gleise und Bahntechnik
sind weitgehend intakt. Der Strom reicht nicht für
mehr Züge. Innerhalb kürzester Zeit fährt die Bayernbahn
nach Cannstatt oder Untertürkheim und ich kann
dort Handel treiben.“
Sie erreichten eine heruntergekommene Fabrikhalle.
Jeder musste seine Gepäckstücke öffnen und einen
Teil seiner Waren an die Bewaffneten abtreten.
„Bleiben Sie jetzt immer dicht bei mir!“, forderte Hendrik
sie auf.
In der Halle herrschte ein ohrenbetäubender Lärm.
Waren wurden lautstark angepriesen, es wurde heftig
um Preise gefeilscht. Pauline sah sofort, dass die meisten
Stände hauptsächlich Wein im Angebot hatten.
Auch alle möglichen sonstigen Gebrauchsgegenstände
und Kunstwerke wie Gemälde waren im Sortiment
enthalten.
Hendrik steuerte zielstrebig einen Stand an. Dort
packte er seine Waren aus, die kritisch in Augenschein
genommen wurden. Es gab ein letztes, wie Pauline
schien nicht ernst gemeintes, Gefeilsche, dann packte
Hendrik seinen Rucksack voller Weinflaschen, während
er zuhörte, was sich sein Handelspartner künftig
für Waren von ihm wünschte. Als Ärztin tat es ihr weh
zu hören, dass er vor allen Dingen an Medikamenten
wie Insulin interessiert war. Wie viele waren allein aufgrund
fehlender Medikamente gestorben?
„So, das wäre erledigt. Jetzt müssen wir nur noch Sie
versorgen“, meinte Hendrik gut gelaunt.
182
Er führte sie in das hinterste Eck der Halle. Dort gab es
keine Verkaufsstände mehr. Schmutzige Wellpappe lag
auf dem Boden, vermutlich um vor der ärgsten Kälte
des Betonbodens zu isolieren. Darauf saßen und lagen
müde Gestalten in zerschlissener Kleidung. Vereinzelt
befanden sich zwischen ihnen Menschen in neuer,
teurer Outdoor-Kleidung, wie Pauline. Hendrik lief
auch hier zielstrebig auf eine grauhaarige Frau in fettiger
Joppe und mit eingefallenen Wangen zu. Er wies
auf Pauline, sagte ein paar Sätze und drückte der Frau
dann mehrere Geldscheine in die Hand. Diese nickte
und steckte das Geld ein. Pauline wollte sich ihr vorstellen,
doch die Frau hatte sich schon wieder jemand
anderem zugewandt.
„Sie müssen hier jetzt warten, bis der Lastwagen nach
Untertürkheim fährt.“
„Lastwagen?“, fragte Pauline entsetzt.
„Aber klar, das ist hier jetzt wie in Afrika. Erst wird die
für Untertürkheim bestimmte Ware aufgeladen, dann
steigen die Menschen obendrauf. Weil es zu wenige
Lastwägen gibt, kann auch niemand so genau sagen,
wann er fahren wird. Sie müssen einfach hier bleiben
und warten.“
„Und wenn ich dort bin?“
„Roland wird sie am Wagen abholen. Die Brücke wurde
bisher nicht zerstört. Die Untertürkheimer treiben
auch mit General Wahlers Leuten Handel. Sie können
einige Tage bei Roland wohnen, bis einer von der Filderfestung
Sie mit dort hinauf nimmt. Damit ist unser
Geschäft dann erledigt. Wenn Sie zurück wollen, wenden
Sie sich wieder an Roland. Viel Glück.“
183
Er drückte ihr noch kurz den Arm, dann verschwand er
zwischen der Menschenmenge. Pauline fühlte sich
schrecklich alleine.
Genau so erging es Sascha im Gefängnis. Er verfluchte
sich, nicht in Deutschland geblieben zu sein. Wie hatte
er nur so blöd sein können zu glauben, das Leben in
Saudi Arabien wäre besser? Wegen einer kleinen Party
mit lausig schmeckendem, selbst angesetztem Met
und einigen lästerlichen Sprüchen im Suff hatte dieser
Blockwart Keller ihn tatsächlich in den Knast geworfen!
Er befand sich mit ca. zwanzig anderen Männern
in einem nackten Betonraum. Alle hatten ihn sofort als
Christen erkannt, aufs übelste beschimpft, geschlagen,
getreten und noch Schlimmeres getan, an das er jetzt
nicht denken mochte.
Die Wärter kamen und stellten einen dampfenden
Topf, sowie einen Stapel Fladenbrote vor der Gittertür
ab. Saschas Magen knurrte. Die Wärter, bewaffnet mit
Knüppeln und Elektroschockern, hielten sich bereit. Einer
von ihnen öffnete die Tür. Zwei Gefangene holten
das Essen in die Zelle. Die Tür wurde sofort wieder
versperrt. Sascha erwartete, dass eine wilde Keilerei
ums Essen einsetzt. Dem war nicht so. Die beiden
schöpften den dampfenden Brei in Blechnäpfe, die sie
gemeinsam mit den Broten verteilte. Die meisten bekamen
einen Napf und ein Brot, wenige einen Napf
plus zwei Brote, was wiederum mit sich brachte, dass
andere nur einen Napf ohne Brot erhielten. Sascha
wurde komplett übergangen. Er hoffte, dass Keller ihn
bald aus dieser Hölle erlöste.
Dieser dachte nicht daran. Der Kommissar hatte mich
zu sich gebeten.
184
„War das wirklich nötig?“, fragte ich schockiert.
„Ja“, antwortete Keller ruhig. „Wir sind hier nicht in
Europa. Ich verwarnte ihn zweimal, ohne Erfolg. Wenn
die Mutawwa nachts hier aufkreuzen, weil ein paar
Idioten besoffen randalieren, nehmen die nicht nur
Sascha mit. Jeder, der mitsoff und jeder, der das Saufen
nicht verhinderte, ist dann mit dran. Die denken
nicht in Individuen, sondern in Sippen und Stämmen.
Ich bin in so einem Fall dann ebenfalls mit dran. Und
mein eigener Arsch ist mir wichtiger, als der eines verzogenen
Sprösslings.“
„Was wird ihm geschehen?“
„Das ist Sache der Saudis.“
„Ich muss es aber wissen!“
„Kein Problem. Die werden ohnehin noch mit Ihnen
über Sascha reden wollen. Um Ihnen Ärger zu ersparen,
sagte ich denen, dass er unter falschen Papieren
reiste und nicht wirklich Ihr Sohn ist. Wahrscheinlich
werden die Mutawwa Sie zu ihm befragen. Engagieren
Sie sich dann ruhig für ihn. Aber wundern Sie sich
nicht, wenn Sie dann selbst in einem Loch landen und
dort jämmerlich zu Grunde gehen.“
Ich schluckte. Eigentlich hatte ich in den letzten Jahren
genug schlimme Dinge erlebt. Trotzdem konnte ich
nicht umhin, nachzufragen:
„Was bedeutet jämmerlich zu Grunde gehen?“
Abschätzend musterte er mich.
„Die hiesige Gesellschaft besitzt eine andere Einstellung
zu Gewalt, als die mit der wir aufwuchsen. Schläge,
selbst die der schlimmsten Sorte, gehören hier
schon in den normalen Familien zum Alltag. Noch viel
schlimmer geht es unter Verbrechern zu.


 

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